Der Goldraub von 1855: Wie 102 Kilo Gold aus einem fahrenden Zug verschwanden

Das Gold fuhr mit dem Abendzug nach Paris. Angekommen ist Blei. Der erste Fall unserer Serie „True Crime auf Schienen“ – und die Geschichte eines Sicherheitssystems, das funktionierte, warnte und trotzdem versagte.

Das sicherste System seiner Zeit

Die South Eastern Railway transportierte regelmäßig Gold von Londoner Handelshäusern nach Paris: mit dem Abendzug um halb neun von London Bridge nach Folkestone, per Dampfer nach Boulogne, per Zug weiter zur Bank von Frankreich. Die Barren lagen in hölzernen Kisten, mit Eisenbändern beschlagen und mit dem Wachssiegel des jeweiligen Handelshauses versehen. Die Kisten wiederum lagerten im Gepäckwagen in Stahltresoren des Herstellers Chubb – einen Zoll dickes Blech, zwei Schlösser, zwei Schlüssel, getrennt verwahrt in London und Folkestone. Niemand durfte beide gleichzeitig besitzen. Zur Kontrolle wurden die Kisten viermal gewogen: beim Verladen, in Folkestone, in Boulogne und in Paris.

Das System galt als unknackbar. Es hatte nur einen Fehler: Es bestand aus Menschen.

Vier davon waren entscheidend. William Pierce, 37, ehemaliger Angestellter der Bahn, entlassen wegen seiner Spielsucht – er hatte die Idee und kannte die Abläufe. Edward Agar, Berufsverbrecher seit seinem 18. Lebensjahr, Spezialist für Schlösser – er hatte das Können. William Tester, Assistent des Betriebsleiters am Bahnhof London Bridge, mit Zugang zu Dienstplänen und Goldtransporten – er hatte die Information. Und James Burgess, Zugbegleiter, seit 1843 bei der Bahn, verheiratet, sparsam, angesehen, oft für genau die Züge eingeteilt, die das Gold trugen – er hatte die Tür.

Sprengstoff brauchten sie nicht. Sie brauchten Wachs. Als 1854 ein Schlüssel verloren ging und die Tresore zur Überholung an Chubb zurückgingen, war Tester der Sachbearbeiter, der den Schriftwechsel führte. Die neuen Schlüssel schmuggelte er kurz aus dem Büro; in einer Bierstube nahm Agar Abdrücke in grünem Wachs. Den zweiten Schlüssel holten sich Agar und Pierce selbst: Sie warteten in Folkestone, bis das Personal zur Ankunft des Dampfers ans Wasser lief – und die Bürotür unverschlossen ließ. Danach fuhr Agar wochenlang auf der Strecke mit, immer wenn Burgess Dienst hatte, und feilte die Rohlinge nach, bis sie ohne Widerstand drehten.

Die Nacht

Am 15. Mai 1855 kam Burgess aus dem Bahnhof London Bridge, wischte sich mit einem weißen Taschentuch übers Gesicht und ging wieder hinein. Das war das Zeichen: Heute fährt Gold. Agar und Pierce kauften Fahrkarten erster Klasse, übergaben Burgess ihre Reisetaschen – gefüllt mit rund 100 Kilogramm Bleischrot aus dem Schrotturm von Lambeth – und Agar verschwand im Gepäckwagen, versteckt unter Burgess‘ Arbeitskleidung.

Sobald der Zug rollte, machte er sich an die Arbeit. Von den zwei Schlössern war, wie üblich, nur eines verschlossen. Agar zog die Nieten aus den Eisenbändern der ersten Kiste, öffnete den Deckel, nahm die Barren heraus, wog sie mit einer mitgebrachten Waage und füllte exakt dasselbe Gewicht an Blei nach. Dann nagelte er die Bänder zurück und drückte ein neues Siegel auf – mit einem Stempel, den er selbst geschnitten hatte, in der Annahme, dass auf dem schlecht beleuchteten Bahnsteig von Folkestone niemand genau hinsehen würde. Er hatte recht. In Redhill, dem ersten Halt, übergab Burgess eine Tasche mit Gold an Tester, der damit nach London zurückfuhr und sich im Büro sehen ließ. Sein Alibi.

Die dritte Kiste brachte den Plan an seine Grenze: Ihre Barren wogen mehr, als die Männer noch an Blei hatten. Sie ließen einen Teil des Goldes zurück, damit die Gewichte nicht allzu weit auseinanderliefen – und beschädigten beim Verschließen die Kiste. In Folkestone blieben Agar und Pierce im Wagen verborgen, während das Personal die Tresore ausbaute. Dann setzten sie sich in die erste Klasse, fuhren weiter nach Dover, holten ihre Taschen ab, aßen zu Abend und warfen Schlüssel und Werkzeug ins Meer. Beute: 102 Kilogramm Gold im Wert von 12.000 Pfund – nach heutiger Kaufkraft deutlich über eine Million.

Was die Waage sagte

Hier wird die Geschichte interessant. In Boulogne fiel einem Besatzungsmitglied auf, dass die Kisten beschädigt waren. Aber in Folkestone hatte sich niemand beschwert – also sah auch er keinen Grund zur Sorge. Dann wurden die Kisten gewogen: Die erste war 40 Pfund leichter als in London, die beiden anderen schwerer. Die Kisten reisten trotzdem weiter. In Paris zeigte die Waage dasselbe. Erst als man die Kisten öffnete, fand man das Blei.

Das System hatte funktioniert. Die Schlösser, die getrennten Schlüssel, die vierfache Wägung. Es hatte sogar gewarnt – zweimal. Es hörte nur niemand hin.

Die Ermittlungen

Monatelang stritten sich Engländer und Franzosen, wo der Raub stattgefunden habe. Beide Seiten erklärten das Verbrechen für unmöglich. Burgess wurde befragt, aber nach vierzehn Dienstjahren nicht als Verdächtiger betrachtet. Tester war während der Fahrt im Büro gesehen worden. Die Männer, die im Zug mitgefahren waren, gerieten nie ins Visier. Sie gehörten ja dazu.

Wie es aufflog

Nicht durch die Polizei. Wenige Monate nach dem Raub wurde Agar wegen eines gefälschten Schecks verhaftet – einer Sache, mit der er nach eigener Aussage nichts zu tun hatte – und zu lebenslanger Deportation verurteilt. Bevor er ging, ließ er einen erheblichen Teil seines Vermögens an Pierce übergeben, mit dem Auftrag, Fanny Kay zu versorgen, die Mutter seines Kindes. Pierce sagte zu. Und behielt das Geld.

Fanny Kay stand im Sommer 1856 mittellos da. Sie ging zum Direktor des Newgate-Gefängnisses und sagte ihm, dass sie wisse, wer das Gold gestohlen habe. Die Polizei durchsuchte das Haus, in dem sie mit Agar gelebt hatte, und fand verbrannte Dielen und Goldstaub im Kamin – dort hatten die Männer die Barren eingeschmolzen. Der Anwalt der Bahngesellschaft suchte Agar im Gefängnis auf. Beim ersten Besuch schwieg er. Zwei Wochen später hatte er erfahren, dass Pierce sein Wort gebrochen hatte. Da erzählte er alles.

Das Urteil

Im Januar 1857, im Old Bailey, brauchte die Jury zehn Minuten. Burgess und Tester erhielten vierzehn Jahre Deportation nach Australien. Pierce – der Mann, der die Idee hatte, der Fanny Kay betrog und damit alles auslöste – bekam zwei Jahre Zwangsarbeit. Er war zur Tatzeit kein Angestellter der Bahn mehr, juristisch also nur ein einfacher Dieb. Der Verräter kam am glimpflichsten davon. Der Richter sprach am Ende über Agar: Ein Zehntel seiner Sorgfalt, in ehrliche Arbeit gesteckt, hätte ihn zu einem wohlhabenden Mann gemacht.

Quellen

  • David C. Hanrahan: The First Great Train Robbery. Robert Hale, London 2011 (Standardwerk zum Fall)
  • Donald Thomas: The Victorian Underworld. New York University Press 1998
  • Fergus Linnane: London’s Underworld: Three Centuries of Vice and Crime. Robson 2004
  • Percy Cruikshank: A Full Report of the Great Gold Robbery. London 1856 (zeitgenössischer Prozessbericht)
  • Old Bailey Proceedings Online: Verfahren gegen Edward Agar (Oktober 1855) sowie gegen Pierce, Burgess und Tester (Januar 1857) – oldbaileyonline.org
  • The Times, Prozessberichterstattung, insbesondere 14. Januar 1857
  • British Transport Police: „The Great Gold Robbery, 1855″ – btp.police.uk
  • Historic UK: „The Great Gold Robbery of 1855″ – historic-uk.com
  • Kaufkraft-Umrechnung nach dem britischen Verbraucherpreisindex: measuringworth.com

Weitere Artkel