574,8 km/h: Der TGV-Weltrekord, den niemand mehr bricht

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Am 3. April 2007, um 13:13 Uhr, rast ein Zug durch die Champagne, der so nie wieder fahren wird. An Bord: rund 60 Menschen, 600 Sensoren und ein Fahrer, der genau weiß, dass er gleich Geschichte schreibt – aber keinen einzigen km/h schneller fahren darf als erlaubt.

Ein Zug, den es so nur einmal gab

Stell dir vor, du stehst an diesem Dienstagmittag irgendwo bei Le Chemin, einem Dorf im Département Marne, an einer nagelneuen Bahnstrecke, auf der noch nie ein regulärer Zug gefahren ist. Die LGV Est, die Schnellfahrstrecke von Paris Richtung Straßburg, wird erst im Juni eröffnet. Genau dieses Zeitfenster – fertig gebaut, aber noch ohne Fahrplan – haben sich die französische Staatsbahn SNCF, der Hersteller Alstom und der Netzbetreiber RFF ausgesucht. Für ein Projekt mit einem nüchternen Namen und einem unbescheidenen Ziel: „V150″. Das steht für 150 Meter pro Sekunde. 540 km/h. Mindestens.

Der Zug, der dafür zusammengestellt wurde, ist ein Einzelstück: zwei Triebköpfe des TGV POS, dazwischen nur drei Doppelstock-Mittelwagen, bestückt mit neu entwickelten Triebdrehgestellen des kommenden AGV. Zusammen leistet das Ganze 19,6 Megawatt – umgerechnet rund 25.000 PS, bei gerade einmal 265 Tonnen Gewicht. Zum Vergleich: Ein normaler TGV wiegt deutlich mehr und leistet einen Bruchteil davon. Auch die Strecke selbst wurde für den Versuch präpariert, unter anderem mit erhöhter Spannung in der Oberleitung. Nichts an dieser Fahrt ist Alltag. Alles ist Ausnahmezustand mit Ansage.

13:13 Uhr, Kilometer 192

Seit dem 15. Januar läuft das Testprogramm. Über 300 Ingenieurinnen und Techniker sind beteiligt, 40 Fahrten jenseits der 450 km/h haben sie absolviert, mehr als 3.200 Testkilometer gesammelt. Der alte Weltrekord – 515,3 km/h, aufgestellt 1990 von einem getunten TGV Atlantique – ist intern längst gefallen. Aber inoffiziell zählt nicht. Heute zählt.

Im Führerstand sitzt Éric Pieczak. Seine Vorgabe ist bemerkenswert unspektakulär: Ziel 575 km/h – und keinesfalls mehr. Schneller darf er aus Sicherheitsgründen nicht fahren. Es ist vielleicht das Bemerkenswerteste an dieser ganzen Geschichte: Selbst beim Weltrekordversuch fährt die Eisenbahn nicht „so schnell es geht“, sondern exakt so schnell wie geplant.

Der Zug beschleunigt auf dem günstigsten Streckenprofil zwischen den Bahnhöfen Meuse und Champagne-Ardenne. Kilometerlang hält er rund 570. Dann, um 13 Uhr, 13 Minuten und 40 Sekunden, bei Streckenkilometer 192: 574,8 km/h. Neuer Weltrekord für Rad-Schiene-Fahrzeuge. Pieczak verfehlt seine Zielvorgabe um 0,2 km/h – und leitet die Bremsung ein, sanft, mit zehn km/h Verzögerung pro Kilometer. Kurz darauf überfährt der Zug eine Schnellfahrweiche mit 560 km/h. Auch das: Weltrekord. Nur redet über den heute niemand mehr.

Warum eigentlich das Ganze?

Man könnte fragen: Wozu? Kein Fahrgast wird je mit 575 durch die Champagne fahren. Aber die Rekordfahrt war nie als Fahrplanstudie gedacht. An Bord zeichneten 600 Sensoren auf, wie sich Fahrzeug, Gleis und Oberleitung in Geschwindigkeitsbereichen verhalten, die vorher niemand erreicht hatte. Die Daten flossen in die Entwicklung der nächsten Zuggeneration – und sie zeigten, wie groß die Sicherheitsreserven des Systems im normalen Betrieb tatsächlich sind. Wenn ein Zug bei 574,8 stabil läuft, weißt du ziemlich genau, was bei 320 passiert.

Und ja, natürlich war es auch ein Schaulaufen. Frankreich und der Hochgeschwindigkeitsrekord, das ist eine jahrzehntelange Beziehungsgeschichte – nur einmal, 1988, hatte Deutschland sie kurz unterbrochen, mit 406,9 km/h. Das saß. Der Rekord von 2007 war auch eine Antwort auf die Frage, wer im Hochgeschwindigkeitsverkehr die Maßstäbe setzt.

Der Rekord, der einfach stehen bleibt

Fast zwei Jahrzehnte später ist die Marke unangetastet – und vermutlich bleibt das so. Nicht, weil es technisch unmöglich wäre, schneller zu fahren. Sondern weil es niemand mehr versucht.

Die Gründe sind unromantisch: Eine solche Fahrt kostet ein Vermögen, verschleißt Material im Zeitraffer und bringt kommerziell nichts – im Regelbetrieb sind um die 300 bis 350 km/h das wirtschaftliche Maximum, darüber fressen Energieverbrauch und Verschleiß jeden Vorteil auf. Die Branche investiert ihr Geld heute lieber in dichtere Takte, Digitalisierung und Zuverlässigkeit als in ein weiteres Prestigeduell. Und wer trotzdem unbedingt Geschwindigkeitsgeschichte schreiben will, macht das längst auf anderen Systemen: Japans Magnetschwebebahn hat die Rad-Schiene-Welt in absoluten Zahlen ohnehin überholt.

So bleibt der 3. April 2007 etwas Seltenes: ein Rekord mit eingebautem Schlusspunkt. Die Mallard hält ihren Dampflok-Rekord seit 1938, weil die Dampflok verschwand. Der V150 wird seinen wohl halten, weil das Rennen selbst verschwunden ist. Zwei Rekorde, ein Muster: Manchmal gewinnt nicht, wer als Letzter schneller fährt – sondern wer fährt, kurz bevor sich die Welt umentscheidet.

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